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Und es gibt ihn doch, den Mord an Tieren

7. März 2010

Es gibt keinen „Mord an Tieren“ – Norbert Hoerster

Normen der Moral und des Rechts, die als solche stets unsere Freiheit beschränken, lassen sich – jedenfalls ohne fragwürdige metaphysische Voraussetzungen – nur dann begründen, wenn sie trotz dieser Freiheitsbeschränkung jedenfalls alles in allem unseren Interessen dienen. Diese Interessen müssen dabei nicht egoistischer, sondern können durchaus auch altruistischer Natur sein. So gesehen, ist das Verbot der Tötung von Menschen deshalb begründet, weil wir alle unter dem Strich von ihm profitieren: Das Verbot schränkt zwar unsere Freiheit ein, dient dafür aber der Sicherung unseres menschlichen Interesses am Überleben. Und dieses permanente Interesse am Überleben ist jedem von uns bei rationaler Betrachtung weit wichtiger als die Realisierung eines möglicherweise gelegentlichen Wunsches, einen Mitmenschen töten.
[…]
Tiere leben bewußt – anders als Menschen – ausschließlich in der Gegenwart bzw. in der unmittelbaren Zukunft. Sie haben keine Absichten, Ziele oder Pläne für den nächsten Tag, geschweige denn für das nächste Jahr. Mit anderen Worten: Sie haben keine ausdrücklich auf die Zukunft bezogenen Wünsche; denn sie erfahren sich selbst nicht als im Ablauf der Zeit identische Wesen mit eigener Vergangenheit und Zukunft. Mangels jeglicher zukunftbezogenen Wünsche aber können sie auch kein auf die Verwirklichung solcher Wünsche bezogenes Interesse – kein spezifisches Überlebensinteresse – haben.
Was folgt aus alledem für das Töten von Tieren zum Fleischverzehr? Ich möchte hier für einen gewissen Unterschied plädieren zwischen Tieren, die in der Natur leben (wie Wildschweine, Rehe usw.), und Tieren, die vom Menschen zum Zweck des Fleischverzehrs erzeugt werden (wie Rinder, Geflügel usw.). Für die letzteren Tiere jedenfalls, die in unserer heutigen Welt ja die große Mehrzahl der getöteten Tiere ausmachen, gilt zweifellos folgendes: Wer diese Tiere erzeugt und später tötet, um sie zu essen (bzw. zu vermarkten), fügt ihnen insoweit nicht nur keinerlei Unrecht zu, sondern tut ihnen sogar eindeutig etwas Gutes: Er schenkt ihnen für eine gewisse Zeit ein für sie von einem gegenwärtigen Moment zum anderen im Prinzip immer wieder lohnendes Leben.
[…]
Daß in der Realität das Töten von Nutztieren 1. nicht immer quallos erfolgt und daß ihm 2. oft grausame und zu verurteilende Formen der Tierhaltung vorausgehen, ist kein Argument gegen das Töten als solches! (Und nur um letzteres geht es in diesem Aufsatz.) Es gibt in der Realität ja auch vorbildliche Formen der Tierhaltung, und jede Annahme einer zwingenden Verknüpfung des Tötens der Tiere mit einer bestimmten Form der Tierhaltung wäre verfehlt.
[…]
Eine weitere, heikle Frage (von unseren Tierrechtlern ignoriert) lautet: Kann jemand wie Deschner es verantworten, seine Katze gelegentlich aus dem Haus zu lassen? Macht er sich dadurch nicht zum Mittäter an zahlreichen „Mäusemorden“?

Vermutlich müsste man sein Buch lesen um sicher zu gehen, dass man ihn richtig verstanden hat, aber ich habe jetzt trotzdem schon einige Bedenken.

1. Wünsche und Pläne für die Zukunft begründen ein Überlebensinteresse.
Ich stelle mir gerade vor, wie man jemandem, der für den folgenden Tag einen Selbstmord plant aufgrund dieser Planung ein Überlebensinteresse bescheinigt. Oh, der war böse. Aber mal ernsthaft, wieso folgt aus dem Wunsch irgendwann in der Zukunft etwas zu erleben bzw. aus der Fähigkeit solche Wünsche zu haben, dass es tatsächlich im eigenen Interesse ist in der Zukunft noch zu existieren? Ist das zu trivial?

Irgendwie tue ich mir schwer damit aus dem Vorhandensein von zukunftsbezogenen Wünschen irgendetwas abzuleiten, außer dass es Leid verursachen kann, wenn man von seinem bevorstehenden Tod Kenntnis hat und dann zum Beispiel traurig ist, weil man jetzt weiß, dass man nie nach Lettland fahren wird. Dann spricht aber weiterhin nichts dagegen jemanden überraschend zu töten und es gilt abzuwägen wie groß das Leid aufgrund des Wissens über den bevorstehenden Tod tatsächlich ist, schließlich leben wir alle mit diesem Wissen.

2. Die Tatsache, dass wir alle von einem Tötungsverbot für Menschen profitieren begründet das Tötungsverbot.
Ich komme zu dem Schluss, dass selbst wenn der einzelne Mensch davon profitiert, wenn sein Überleben gesichert ist, das aber auch gegeben wäre, wenn er zu einer Gruppe von Menschen gehört, die sich gegenseitig gewisse Rechte zugestehen und die Möglichkeit haben eine andere Gruppe von Menschen zu versklaven und eventuell zu töten ohne dass eine Gefahr für das eigene Leben von ihnen ausgeht. Ich stelle mir zum Beispiel einen Stamm von Exokannibalen vor, bei denen ein Tötungsverbot für Stammesmitglieder gilt und die anderen Stämmen technologisch weit überlegen sind. Wie erkläre ich diesen Menschen, dass sie Menschen unterlegener Stämme nicht töten sollen? Nein, das ist nicht an den Haaren herbeigezogen, Exokannibalen gab es wirklich!

So lassen sich keine Individualrechte begründen, jedenfalls nicht für alle Menschen und Rechte sollen ja gerade die Schwachen vor Übergriffen schützen, das bleibt hier also weiterhin willkürlich.

3. Wir profitieren (unterm Strich) nicht von einem Tötungsverbot für Tiere.
Ich denke durchaus, dass wir von einer veganen Welt profitieren würden: sauberes Wasser und genug zu Essen für alle, verlangsamte Erderwärmung, auf diese Dinge lege ich mehr Wert als auf den Fleischverzehr. Ganz ohne Metaphysik.

4. Tiere haben keine Pläne und Wünsche für die Zukunft.
Ich bezweifle, dass das so allgemein richtig ist, ich fände es nicht überraschend, wenn es ein Kontinuum bezüglich dieser Fähigkeiten gibt und es existieren auch Hinweise auf Zukunftsplanung bei bestimmten Tieren, zum Beispiel bei Schimpansen.

5. Tierrechtler ignorieren die heikle Frage nach karnivoren Tieren.
Erst gestern erhielt ich einen Hinweis auf einen Vortrag zu diesem Thema, in dem argumentiert wird, dass karnivore Tiere tatsächlich ein moralisches Problem darstellen. Ok, er sprach ja nur von „seinen Tierrechtlern“.

6. Es existiert eine vorbildiche Tierhaltung in der Tiere ein immer wieder lohnendes Leben haben.
Bullshit. Ich bezweifle auch, dass eine wirklich vorbildliche Tierhaltung in der das Tier allen seinen Bedürfnissen nachgehen kann wirtschaftlich tragbar oder überhaupt möglich wäre und wo liegt dann noch der Unterschied zum „nicht gehaltenen“ Tier? Dass der Mensch indirekt für seine Existenz verantwortlich ist? Dann darf man aber nicht vergessen, dass die Existenz von Nutztieren die Existenz von Wildtieren bedroht, der Mensch, während er das eine Leben ermöglicht, das andere also verhindert und zwar das lohnendere.  Ein bisschen mehr Realität hätte diesem Aufsatz sicher nicht geschadet.

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