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Wie aufgeklärt sind Aufklärer? – Wie ein Herdentier vegan wird

6. März 2010

Ob es um antivegane Esobeobachter und andere selbsternannte Aufklärer („Mord“ an und bei Tieren bzw. Es gibt keinen „Mord an Tieren“) – es heißt nicht umsonst säkulare Humanisten – oder um klimawandelleugnende Skeptiker geht, irgendwo stößt anscheinend auch die aufklärerische Vernunft an ihre Grenzen, da helfen anscheinend auch die paar Bonus-IQ-Punkte nichts, wenn das Thema emotional aufgeladen, man selbst betroffen oder die Idee zu ungewohnt und unbequem ist.

Diese Entdeckung ist nicht sonderlich schockierend, wenn man schon auf die sexistischen, rassistischen, fortschrittsablehnenden und demokratiefeindlichen Äußerungen noch viel größerer Geister vergangener Tage gestoßen ist. Bis zu einem gewissen Grad ist wohl jeder ein Kind seiner Zeit und verträgt nur sein persönliches Maß an Individuation – ist nur bereit ein bestimmtes Maß an Unbequemlichkeit, die sich ergibt, wenn man sich von der Herde entfernt und sei es nur intellektuell, in Kauf zu nehmen. Ich möchte mich da gar nicht ausschließen, auch wenn manch einer meint, ich würde es mit der Individualität doch schon ein bisschen zu weit treiben.

Wenn wir beim Thema Tierrechte bleiben, fällt mir zum Beispiel ein, dass ich schon immer ein gewisses Unbehagen hatte, wenn es um unseren Umgang mit Tieren ging. Nicht nur, dass ich Ameisen aus dem Weg gegangen bin und tote Insekten beerdigt habe, ich hatte immer ein ungutes Gefühl, wenn Menschen Tiere eingesperrt, an der Leine geführt, herumkommandiert oder ihnen einfach nur vorgeschrieben haben was sie zu tun und lassen haben. Ich war also ein intuitiver Tierrechtler, auch wenn ich zu der Zeit noch nicht einmal Vegetarier war und weder wusste wie die tierischen Produkte, die ich konsumiere produziert werden, noch, dass sie verzichtbar sind. Da ich mich nicht unbedingt als Ausnahme sehe, ist das übrigens einer der Punkte, die mich für die Zukunft hoffen lassen. Für Kinder die in einer veganen Welt aufwachsen, wird der Veganismus das natürlichste auf der Welt sein.

Jedenfalls, trotz diesem vielversprechenden Auftakt bin ich lange nicht wirklich über diesen rein intuitiven, emotionalen Zugang hinaus gekommen und hatte teilweise sogar das Bedürfnis mich für meine Gefühle und meinen Vegetarismus zu entschuldigen, ich emotionales, irrationales Ding. Das war auch die Zeit, die von falscher Toleranz geprägt war: „Ich möchte kein Fleisch essen, aber wenn ihr das wollt ist das vollkommen in Ordnung für mich.“ Eine Haltung, die man sogar bei einigen Veganern noch findet und die meiner Meinung nach der Furcht geschuldet ist allzu asozial zu wirken, wenn man für das eintritt, was man als richtig erkannt hat. Das sind innere Kämpfe, die man da auszutragen hat! Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass man tatsächlich Leute abschreckt, wenn man allzu radikale Meinungen vertritt, was dann vielleicht auch der Grund dafür ist, dass aktive Tierrechtler oft ein überwiegend veganes Umfeld haben. Nur in dieser Subkultur ist es einem dann noch möglich so etwas wie Normalität zu erleben.

Als ich dann das erste mal vom Veganismus gehört habe war ich nicht vollkommen begeistert wie man vielleicht erwartet hätte, sondern sehr skeptisch. Das konnte einfach nicht funktionieren, denn es wäre eine Ungeheuerlichkeit, wenn Veganismus möglich und einfach durchführbar wäre, aber nicht praktiziert wird. So schlecht wollte ich von meinen Mitmenschen nicht denken, es musste doch irgend eine Notwendigkeit für unser Tun geben. Irgendwelche Proteine oder so. Zu meiner Verteidigung sei aber auch gesagt, dass die Veganer, die mich auf das Thema aufmerksam gemacht haben auch keine guten Vertreter unserer Zunft waren, deswegen denke ich auch, dass jeder Veganer die Pflicht hat sich zu informieren und keinen Quatsch von sich zu geben.

Und dann kam Peter Singer, dieser Mensch gilt ja als rational – als zu rational. Und dieser Mensch sagt, dass der Veganismus die moralischte Lebensweise ist, so stand das jedenfalls damals bei Wikipedia. Das war die Befreiung der piyh. Ein rationaler Mensch – ein Professor – findet Veganismus gut. Ich kann also Veganer sein und trotzdem ein rationaler Wissenschaftler, ich kann sogar Professor werden und Veganer! Noch besser war es als ich dann noch auf vegane Physiker gestoßen bin. Physiker ist ja das Superlativ von rationaler Mensch.

Erst das hat es mir wirklich ermöglicht mich ernsthaft und offen mit dem Veganismus und den Tierrechten zu beschäftigen und den Berg an Vorurteilen zu überwinden. Das war also ein sehr langer Weg, der ganze 22 Jahre gedauert hat und erst die Autorität eines Professors hat mich dann die letzte Konsequenz ziehen lassen, mich unaufgeklärtes Herdentier.

Ja, ich bin krank und kann nicht sprechen (heiser) und habe aber ein ungebrochenes Mitteilungsbedürfnis, deswegen kaue ich euch ein Ohr ab oder beide, hungrig bin ich jetzt auch. Ihr müsst es ja nicht lesen. :-P

2 Kommentare
  1. Michael permalink

    Ah daher der Name piyh?! Eine Wortschöpfung aus ‚pi‘ und ‚phy’sik? :-)

  2. Nö, aber du bist nicht der Erste, der in diese Richtung spekuliert. :)
    Eigentlich ist es ein Akronym für „pictures in your head“.

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