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Ethischer Institutionalismus

13. Februar 2010

Ich habe jetzt endlich die Zeit gefunden mir diese Podiumsdiskussion zum Thema Tierversuche anzusehen, die leider nur in schlechter Qualität zu hören ist.

Bemerkenswert fand ich vor allem Prof. Dr. Axel W. Bauer (Mitglied im Deutschen Ethikrat) und die Tatsache, dass niemand sich die Mühe gemacht hat seine Position zu hinterfragen, wobei das eventuell durch das Publikum geschehen ist, aber den Teil versteht man dann leider wirklich gar nicht mehr. Was soll’s.

Der Ausgangspunkt des Medizinethikers aus Heidelberg ist das Münchhausen Trilemma, das besagt, dass es schlussendlich keine Letztbegründung, auch nicht in der Ethik, geben kann. Daraus schließt er dann, dass im Grunde jede Moraltheorie eine „zulässige Wahlmöglichkeit“ ist, explizit auch eine, die den Menschen aufgrund seiner behaupteten Gottesebenbildlichkeit an die Spitze stellt.

Moralische Tatsachen […] sind eben keine natürlichen Tatsachen […] sondern es sind institutionelle Tatsachen, die wir selbst für unseren sozialen Gebrauch erzeugen.

Dass das nicht nur die Tierethik betrifft erwähnt er selbst am Rande, schließlich ist damit auch eine Moraltheorie zulässig welche weiße, männliche Europäer priorisiert. Zu den moralischen Tatsachen schreibt er noch:

Ihr ontologischer Status ist weder objektiv noch subjektiv, sondern intersubjektiv.
Da solche intersubjektiven Werte labil sind, bedürfen sie zu ihrer Gültigkeit eines gesellschaftlichen Konsenses. Der aber entsteht erst im Laufe eines historischen Prozesses, und das heißt heute im Rahmen eines öffentlichen Diskurses.

Nun behauptet er ein genereller Verzicht auf Tierversuche wäre zwar leicht zu fordern und auch zu begründen, aber gesellschaftlich nicht durchsetzbar, dieser Konsens also unmöglich und das liegt am speziesistischen Egoismus der Menschen, die meinen von Tierversuchen zu profitieren und die das faktische Definitionsmonopol darüber haben was als moralisch vertretbar gilt. Hier suggeriert er, dass es nur einen Interessenskonflikt zwischen Tieren und einer homogenen Menschenmasse gibt. Dass dem nicht so ist wird schon allein dadurch gezeigt, dass diese Diskussion statt fand. Vielmehr gibt es einen Konflikt zwischen verschiedenen menschlichen Interessensgruppen, auf der einen Seite Menschen, die ihr Geld und ihren wissenschaftlichen Ruf mit Tierversuchen verdienen und auf der anderen Seite Menschen, die ihren speziesistischen Egoismus überwinden und sich für Tierrechte einsetzen. Im Spannungsfeld dieses Konfliktes liegt dann auch das Potential für Veränderung und dass Veränderungen möglich sind hat die Geschichte gezeigt.

Grundsätzlich scheint er eine eher konservative Haltung zu haben, da ist ständig die Rede von der Würde des Menschen. Ach ja, steht so in der Verfassung, aber was wäre, wenn nicht?

16 Kommentare
  1. folgsam permalink

    „Vielmehr gibt es einen Konflikt zwischen verschiedenen menschlichen Interessensgruppen, auf der einen Seite Menschen, die ihr Geld und ihren wissenschaftlichen Ruf mit Tierversuchen verdienen und auf der anderen Seite Menschen, die ihren speziesistischen Egoismus überwinden und sich für Tierrechte einsetzen.“

    Das es auch andere Faktoren gibt, die Tierversuche nötig machen, will man Menschen helfen, lässt du großzügig unter den Tisch fallen.

    Eines der zahllosen Beispiele ist neonatale Diabetes, die durch die Hilfe ausgeklügelter Knock-out – Mausmodelle therapierbar geworden ist.
    Menschen die ansonsten ein Leben lang massive Insulininjektionen benötigten, Koordinationsschwierigkeiten, Muskelschwäche, Konzentrationsverlust und eine allemein verzögerte Entwicklung aufwiesen, können so ein normales Leben führen.

    Diese Argumentationslinie ist natürlich hinfällig, wenn man bestreitet, dass irgendeine wie auch immer geartete Form von Güterabwägung zwischen Personen und nicht-Personen durchgeführt werden soll (vorausgesetzt du siehst in Mäusen keine Personen, wie ich hoffe).
    Dann wünsche ich dir jedoch, dass du niemals ein Kind mit einem schweren, angeborenen Leiden in die Welt setzt, es kann sein dass dich deine Ethik daran hindert wird, dieses mit Therapien die mithilfe von Tierversuchen entwickelt worden sind zu behandeln.

    • Eines der zahllosen Beispiele

      Es gibt auch zahllose Gegenbeispiele, die zeigen wie Tierversuche den medizinischen Fortschritt verhindert haben, weil sie in die falsche Richtung gedeutet haben. Siehe zum Beispiel hier:
      http://www.safermedicines.org/faqs/index.shtml

      (vorausgesetzt du siehst in Mäusen keine Personen, wie ich hoffe).

      Ich halte den Personenbegriff an sich für problematisch und im Grunde auch für verzichtbar.

      Dann wünsche ich dir jedoch, dass du niemals ein Kind mit einem schweren, angeborenen Leiden in die Welt setzt, es kann sein dass dich deine Ethik daran hindert wird, dieses mit Therapien die mithilfe von Tierversuchen entwickelt worden sind zu behandeln.

      Ich glaube das wäre mir gar nicht erlaubt. Davon abgesehen unterstützte ich die Tierversuche zur Erforschung dieser Therapien schon durch meine Steuern und mein Kind nicht behandeln zu lassen verhindert diese Experimente nicht.

      • folgsam permalink

        Währen man bei Verhaltensstudien und sagen wir mal, psychopharmaka sicherlich die Eignung von Tierversuchen anzweifeln kann, sind so gut wie alle biochemischen Prozesse bei Mäusen und Menschen identisch.

        Die angesprochene neonatale Diabetes beruht auf einer Mutation in einem Kaliumkanal in beta-Zellen der Pankreas, diese kommen auch in Skelettmuskeln und in gewissen Hirngeweben vor, deswegen führt eine Fehlfunktion nicht nur zu Diabetes, sondern auch zu Muskelschwäche und einer Vielzahl von neuronalen Problemen.
        Mäuse mit der exakt gleichen Mutation wie in erkrankten Menschen wiesen auch genau die gleichen Störungen auf.

        In dem Fall waren Tierversuche nicht nur zielführend, es wäre schlicht unmöglich gewesen, ohne Tierversuche jemals dahinterzukommen was die Erkrankung auslöst und wie sie sich therapieren lässt.

        Natürlich gibt es wohl Beispiele wo Tierversuche nichts gebracht haben und sogar kontraproduktiv waren, das bestreite ich nicht.
        Pauschal Tierversuche abzulehnen ist deswegen jedoch der falsche Weg.

      • Natürlich gibt es wohl Beispiele wo Tierversuche nichts gebracht haben und sogar kontraproduktiv waren, das bestreite ich nicht.
        Pauschal Tierversuche abzulehnen ist deswegen jedoch der falsche Weg.

        Ich lehne sie ja nicht nur ab, weil ich sie für in den meisten Fälllen kontraproduktiv halte, sondern weil ich sie für unmoralisch halte.

        In dem Fall waren Tierversuche nicht nur zielführend, es wäre schlicht unmöglich gewesen, ohne Tierversuche jemals dahinterzukommen was die Erkrankung auslöst und wie sie sich therapieren lässt.

        Das lässt sich jetzt leicht sagen, da wir es nicht mehr herausfinden werden.

      • folgsam permalink

        „Ich lehne sie ja nicht nur ab, weil ich sie für in den meisten Fälllen kontraproduktiv halte, sondern weil ich sie für unmoralisch halte.“

        Also grundsätzlich unmoralisch, ohne Ausnahme?

        Dann haben wir hier einfach zwei völlig verschiedene Positionen und werden das nicht durch diskutieren aus der Welt bringen können.

        Solls ja auch geben.

    • Solls ja auch geben.

      Sieht so aus. Grüß die Mäuse von mir.

      • folgsam permalink

        Ich kann per Definition nur Personen grüßen.

        Was keine Person ist, in größeren und kleineren Abstufungen, nicht mehr als eine nachhaltig und verantwortungsvoll zu nutzende Ressource.

        Plain and simple. Grüß den Sojakäse.

      • @Vivisektor
        Und was eine Person ist hat wer zu entscheiden? Singer schließt nach seiner Definition glaube ich nicht aus, dass Katzen, Hunde und Vögel Personen sind, wieso nicht auch Mäuse?

        Personen hin oder her, die Mäuse sind meine Freunde und als solche dürfen sie sich gegrüßt fühlen.

  2. smallie permalink

    So, so, solche Leute sitzen also im Ethikrat. Ich fasse es nicht.

    Wer beruft denn solche Leute? Wikipedia sagt, Ex-Kanzler Schröder war es. Alles klar! Schröder hört Skorpions *würg* und er hat verbreiten lassen, er habe sich von seiner Frau Hillu getrennt, weil sie ihm ungern Steaks gebraten hat. So einer beruft dann auch Axel W. Bauer.

    Hab mir kurz die Webseite von Axel W. Bauer aus dem Link angesehen. _Autsch, jetzt bin ich blind. Ein Mensch der keinen Sinn für Ästhetik hat, soll einen Sinn für Ethik haben? Und sein Geschwalle erst. Sein Stil ist so aufgeblasen, daß er gleich platzt.

    Fragestellungen aufgreifen

    Tsk. Ein normaler Mensch stellt Fragen. Nur ein Popanz greift Fragestellungen auf.

    Klassische Themenschwerpunkte der History in Medicine sind ereignis-, prozess- und strukturgeschichtliche Wandlungen der soziokulturellen Grundlagen der Medizin, des ärztlichen Denkens, Wissens und Handelns[…]

    Gibt’s das auch auf Deutsch? Thema der History in Medicine ist die Geschichte der Medizin. Wieder mal was Neues gelernt!

    Warum müssen manche Leute eigentlich immer so mit Fremdwörtern um sich schmeißen? Das ist Exkrement! Das ruft bei mir unwillkürlich Widerspruch hervor.

    Soviel als Meta-Kommentar.

    Du zitierst Bauer mit:

    Moralische Tatsachen […] sind eben keine natürlichen Tatsachen […] sondern es sind institutionelle Tatsachen, die wir selbst für unseren sozialen Gebrauch erzeugen.

    Eine institutionelle Tatsache? Frans de Waals hat über Moral bei Menschenaffen geschrieben, Marc Hauser hat gezeigt, daß manche moralischen Empfindungen dem Menschen angeboren sind. Und schon Darwin hat geschrieben, daß Moral natürliche Ursachen hat.

    Schade, daß nicht mal Mitglieder einer Ethikkommission hier auf dem laufenden sind.

    da ist ständig die Rede von der Würde des Menschen. Ach ja, steht so in der Verfassung, aber was wäre, wenn nicht?

    Dieser erste Paragraph – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – ist blanker Hohn. Wir alle wissen, wie antastbar diese Würde war und ist. Um Sinn zu geben, müßte der Satz lauten: „Die Würde des Menschen darf nicht angetastet werden.“

    Was ist Würde überhaupt? Wenn ich zu jemandem sage, er sei ein Arschloch, dann habe ich eine Beleidigungsklage am Hals. Wenn ein deutscher Oberst Afghanen in die Luft sprengt, dann bleibt er straffrei? Wenn die CIA auf deutschem Boden Bürger entführt, um sie anderswo zu foltern, dann pfeift Innenminister Schäuble die Staatsanwälte zurück und verhindert eine Anklage, um die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht zu gefährden?

    Papier ist geduldig.

    Vielmehr gibt es einen Konflikt zwischen verschiedenen menschlichen Interessensgruppen, auf der einen Seite Menschen, die ihr Geld und ihren wissenschaftlichen Ruf mit Tierversuchen verdienen und auf der anderen Seite Menschen, die ihren speziesistischen Egoismus überwinden und sich für Tierrechte einsetzen.

    Den kollektiven Aufschrei möchte ich hören, wenn du forderst, daß es keine Tierversuche mehr geben darf, zum Beispiel im Kampf gegen Krebs.

    Ich selbst hab dazu noch keine feste Meinung, wo die Grenze zu ziehen ist.

    Es gab einen Kommentar hier über Seife und Tierversuche. Wow, darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Seife ist ätzend – oder besser gesagt laugig. Hab ewig keine benutzt. Nicht aus moralischen Überlegungen, sodern einfach weil Seife eklig ist. Seife, Schampoos, Kosmetika. Bäh.

    Wenn Bauer behauptet, daß „ein genereller Verzicht auf Tierversuche“ momentan gesellschaftlich nicht durchsetzbar ist, muß ich ihm sogar Recht geben. Genau so wenig sind Tierrechte durchsetzbar, oder Menschenrechte, oder der Verzicht auf Staatsverschuldung.

    Mist. Exkrement. Jetzt hat mich mein Pessimissmus übermannt.

  3. Eine institutionelle Tatsache? Frans de Waals hat über Moral bei Menschenaffen geschrieben, Marc Hauser hat gezeigt, daß manche moralischen Empfindungen dem Menschen angeboren sind. Und schon Darwin hat geschrieben, daß Moral natürliche Ursachen hat.

    Auf die Gefahr hin, dass du jetzt gleich wieder Exkrement rufst: Eine Moraltheorie damit zu begründen, dass bestimmte moralische Empfindungen dem Menschen angeboren sind, wäre ein naturalistischer Fehlschluss.

    Den kollektiven Aufschrei möchte ich hören, wenn du forderst, daß es keine Tierversuche mehr geben darf, zum Beispiel im Kampf gegen Krebs.

    Wie sagte Dr. Richard Klausner: „The history of cancer research has been a history of curing cancer in the mouse. We have cured mice of cancer for decades – and it simply didn’t work in humans.“

    Hab ewig keine benutzt. Nicht aus moralischen Überlegungen, sodern einfach weil Seife eklig ist. Seife, Schampoos, Kosmetika. Bäh.

    Was verwendest du denn dann? Ich steh ja total auf die Alverde-Produkte, die riechen alle so gut und sind freundlicherweise auch als vegan gekennzeichnet.

  4. smallie permalink

    Eine Moraltheorie damit zu begründen, dass bestimmte moralische Empfindungen dem Menschen angeboren sind, wäre ein naturalistischer Fehlschluss.

    Schon klar.

    Trotzdem kann es angeborene moralische Empfindungen geben, die sich mit unserer theoretischen Moral decken. Das schließt sich nicht aus.

    Evolution/Spieltheorie ist mir als Argumentationshilfe immer noch lieber als das Grundgesetz. Eine Evolution, die ganz-und-gar-nichts-vernüftiges hervorgebracht hätte, wäre eine Devolution.

    Sich auf’s Grundgesetz zu berufen, wenn es um Moral geht, wäre der juristische Fehlschluß.

    So habe ich das „institutionell“ verstanden.

    Was verwendest du denn dann?

    Lehm. Tonmineralerde. Ghassoul.

  5. Lehm. Tonmineralerde. Ghassoul.

    Ah, Tonerde habe ich auch schon für mich entdeckt, gibt eine super Gesichtsmaske + Peeling, aber meine Haare mochten das nicht… Aber ich schweife ab. :)

    So habe ich das “institutionell” verstanden.

    Vielleicht zur Ergänzung noch folgendes:
    „Einen Ausweg aus den Sackgassen sowohl des Kognitivismus als auch des Emotivismus weist der Institutionalismus, wie ihn der an der Universität von Kalifornien in Berkeley tätige Philosoph John R. Searle (geb. 1932) durch den Begriff der institutionellen Tatsache („institutional fact“) eingeführt und der jetzt in Luzern lehrende Schweizer Philosoph Rafael Ferber (geb. 1950) auf den Bereich der moralischen Tatsachen ausgedehnt hat.

    Moralische Tatsachen sind demnach keine objektiven physischen oder metaphysischen Realitäten, wie der Kognitivismus behauptet. Sie sind aber auch nicht bloß subjektive psychische Phänomene, die andere Personen allenfalls zur Nachempfindung oder zur Nachahmung anregen können, wie es der Emotivismus lehrt. Moralische Tatsachen müssen vielmehr als von Menschen historisch geschaffene soziale Institutionen angesehen werden, die innerhalb einer Kultur- und Sprachgemeinschaft nach bestimmten Regeln intersubjektiv konstituiert, stabilisiert, tradiert und modifiziert werden.

    Diese Regeln folgen der Struktur „A gilt als B im Kontext der Gemeinschaft C“. Daraus folgt, dass die Regeln, nach denen sich moralische Werte entwickeln, stets zugleich auch sprachlich-semantische Regeln sind: Dem Wort A wird durch sie die Bedeutung B im Kontext der Sprachgemeinschaft C zugeordnet. Da die zur Kommunikation benutzten Wörter einer Sprache Symbole sind, lässt sich deren Assoziation mit konkreten Bedeutungen als eine relativ flexible und im Laufe der Zeit graduell veränderliche Beziehung charakterisieren. Institutionelle Tatsachen sind auf eine bestimmte Art und Weise interpretierte natürliche Tatsachen („brute facts“), in ihnen gehen Lebens- und Sprachwelt eine bestimmte normative Verbindung ein, die freilich weder starr noch unauflöslich ist.

    Moralische Werte werden demnach soziokulturell als institutionelle Tatsachen entwickelt. Sie sind nicht von Natur aus objektiv vorgegeben, sondern werden von Menschen zu bestimmten Zeiten für bestimmte Zwecke geschaffen und von Menschen in konkreten Situationen interpretiert. Ihr ontologischer Status ist weder objektiv noch subjektiv, sondern intersubjektiv.
    Da solche intersubjektiven Werte labil sind, bedürfen sie zu ihrer Gültigkeit eines gesellschaftlichen Konsenses. Der aber entsteht erst im Laufe eines historischen Prozesses, und das heißt heute im Rahmen eines öffentlichen Diskurses. Der Verlauf eines solchen Ringens, gar wenn es um gesamtgesellschaftlichen Konsens geht, kann – jedenfalls am Beginn des 21. Jahrhunderts – nicht mehr allein von kirchlichen Duopolen oder von politischen Parteien nach deren Machtkalkülen gelenkt werden. Vielmehr hat jeder einzelne Bürger durch sein Tun oder Lassen – das sich in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat allerdings in den von der Verfassung gesetzten Grenzen bewegen muss – einen gewissen Einfluss auf die Gestaltung künftiger Werte und Normen.“

    Im Grunde ist das alles nicht unvernünftig, ich denke nur, dass er sich irrt, wenn er meint, dass sich das nicht zu Gunsten der Tiere ändern kann. Wir machen auch keine Versuche an geistig behinderten Waisenkindern, obwohl wir davon profitieren würden und obwohl wir (das heißt die geistig Gesunden) das faktische und intellektuelle Definitionsmonopol darüber haben was moralisch gerechtfertigt ist. Das lässt einen doch hoffen.

  6. smallie permalink

    OK, das macht es klar, was mit „institutionell“ gemeint ist.

    Überzeugt bin ich davon nicht ganz. Searle’s Argumentation ist hier genauso falsch wie bei seinem Chinesischen Zimmer als Widerlegung von Künstlicher Intelligenz. Nicht zu Ende gedacht.

    Moralische Werte werden demnach soziokulturell als institutionelle Tatsachen entwickelt. Sie sind nicht von Natur aus objektiv vorgegeben, sondern werden von Menschen zu bestimmten Zeiten für bestimmte Zwecke geschaffen und von Menschen in konkreten Situationen interpretiert. Ihr ontologischer Status ist weder objektiv noch subjektiv, sondern intersubjektiv.
    Da solche intersubjektiven Werte labil sind, bedürfen sie zu ihrer Gültigkeit eines gesellschaftlichen Konsenses.

    Das ist mir zu postmodern beliebig, auch wenn ich nicht völlig abstreiten kann, was er sagt.

    Ich sehe zwei Pole von Moralvorstellungen.

    RABBI HILLEL (kurz vor der Zeitenwende)

    – „That which is hateful to you, do not do to your fellow. That is the whole Torah; the rest is commentary“

    MACHIAVELLI (meine Umschreibung)

    – Wer die Macht hat, hat das Recht. Der Zweck heiligt die Mittel.

    Beide Pole erscheinen mir recht stabil zu sein. Da steckt mehr dahinter als subjektive Anschauung. Ich bin mir sicher, man könnte beide Moralprinzipien als mögliche und erfolgreiche Strategien aus spieltheoretischen Überlegungen ableiten. Kant ist etwa 1800 Jahre nach Rabbi Hillel zum selben Schluß gelangt. Ich kenne die Argumentation von Kant nicht, denke aber er hat seinen kategorischen Imperativ aus objektiven Überlegungen entwickelt.

    Machiavelli hingegen wurde schon lange praktiziert, bevor er seine Gedanken niederschrieb. Seine Überlegungen machen ebenfalls objektiv Sinn, zumindest solange man selbst der Mächtige ist.

    Das einzig subjektive an der Sache ist, für welche Seite man sich in welcher Situation entscheidet. Und nicht mal das Grundgesetz als Beispiel für eine gesellschaftliche Übereinkunft kann verhindern, daß es von manchen gebrochen wird. (Siehe Beispiele oben.)

    Wenn’s um Tierrechte geht, verhalten wir uns eher machiavellistisch. Denn: Tiere werden nicht als „fellows“ im Sinne von Rabbi Hillel erkannt. Die Frage – die wir hier auch schon hatten – ist, wo die Grenze zwischen „fellow“ und „non-fellow“ zu ziehen ist. Insekten würde ich nicht als „fellow“ sehen, die werden verspeist oder auf der Autobahn oder vom Zug an der Windschutzscheibe zerquetscht. Bei Mäusen ist es eine Streitfrage und Affen würde ich als „fellow“ dazurechnen.

    Aber ich schweife ab. :)

    Das ist schon OK. Immer nur hochtrabendes Geschreibsel kann ja kein Mensch aushalten.

    „Wider den tierischen Ernst“ – dem Spruch kann man auch als Tierrechtler noch folgen.

  7. Das ist mir zu postmodern beliebig, auch wenn ich nicht völlig abstreiten kann, was er sagt.

    Naja, ich denke man sollte im Hinterkopf behalten, dass es hier um den ontologischen Status von moralischen Werten geht, diese sind an sich natürlich nicht wirklich vollkommen beliebig, sondern zum Beispiel durch die menschliche Natur und/oder historische Prozesse determiniert, so würde ich das jedenfalls sehen. Erklärungsansätze dafür wie es zu speziellen Werten („moralischen Tatsachen“) kommt behalten also weiter ihre Gültigkeit, das ist im Grunde nur philosophisches Metageschwätz. ;)

    Insekten würde ich nicht als “fellow” sehen, die werden verspeist oder auf der Autobahn oder vom Zug an der Windschutzscheibe zerquetscht.

    Ich habe meine Mutter schon von vielen veganen Alternativen überzeugen können, aber das mit dem Honig will sie auch nicht einsehen.

    Was ist dein Einwand gegen das chinesische Zimmer?
    http://plato.stanford.edu/entries/chinese-room/#4

  8. smallie permalink

    Mit Ontologie kann ich nicht viel anfangen, das habt ihr wahrscheinlich schon erraten. Ontologie ist prima für einen phantastischen Roman. Oder zur geistigen Erbauung. Oder zu dem, was im Englischen „to think out of the box“ heißt. Leider wird Ontologie oft als Werkzeug zur Vernichtung objektiver Tatsachen gebraucht. :\

    Übrigens hast du nicht erwähnt, ob du neuerdings auf Auto- und Zugfahren verzichtest, aus Respekt vor Insekten. :p

    Was Searle angeht: er macht zwei Fehler.

    Erstens ist das Gehirn nicht ein einzelnes Zimmer, sondern eine Ansammlung von 100 Millarden Zimmern. Da kann man qualitativ anderes Verhalten erwarten. Daß sich dieses Verhalten grundsätzlich auch mit einer Turingmaschine nachbilden ließe, erscheint mir kein Widerspruch zu sein.

    Zweitens: das Gehirn arbeitet nicht formal-logisch. Da werden keine Symbole manipuliert, so wie bei einem der gängigen Mathe-Tools a la Mathematica. Das Gehirn ist ein riesen Wahrscheinlichkeits-Speicher. Es merkt sich, welche Dinge zusammen auftreten. Es gibt keine formale Regel im Hirn, die sagt: Wenn es klingelt, dann kommt Besuch. Stattdessen gibt es eine Statistik: 100 mal geklingelt, 99 mal aufgemacht, 95 mal Besuch gekommen. (Und das ist immer noch viel zu symbolisch ausgedrückt.) Wenn ich an „Klingel“ denke, dann ist das auf Hirnebene ein Aktivierungsmuster von – ich weiß nicht wie vielen – Neuronen.

    Es ist nicht die einzelne Gehirnzelle, die chinesisch versteht, erst die ganze Person versteht chinesisch.

    Wenn ich sein Argument eine Stufe tiefer ansetze, wird klar, wie absurd es ist. Ein Gehirn besteht aus Molekülen, die aufeinander abgestimmt nach festen Regeln zusammenwirken. Man könnte diese Regeln algorithmisch fassen und mit einer Turingmaschine nachbilden. Searle würde sagen: ein Molekül versteht kein chinesisch, deshalb kann ein Gehirn – und damit ich – ebenfalls kein Chinesisch verstehen. Das widerspricht der Erfahrung – deshalb hat Searle unrecht.

  9. Übrigens hast du nicht erwähnt, ob du neuerdings auf Auto- und Zugfahren verzichtest, aus Respekt vor Insekten.

    Also Autos finde ich doof (ich habe nicht mal einen Führerschein und finde man sollte Autos abschaffen, ich glaube diese Forderung ist noch radikaler als das Verbot von Tierversuchen).
    Und ich fahre auch mit dem Rad eher auf der Straße als am Fluss entlang, wenn da zu viele Insekten rumschwirren. Aber primär, weil ich sie nicht in der Nase haben will.

    Leider wird Ontologie oft als Werkzeug zur Vernichtung objektiver Tatsachen gebraucht.

    Du meinst sicher „intersubjektiver Tatsachen“… ;)

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