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Für eine Erweiterung der Menschenrechte

4. Dezember 2009

Obwohl es deutlich mehr weibliche Veganer als männliche gibt, scheinen die Alpha-Tiere der Szene immer noch zum größten Teil Männer zu sein, heute soll allerdings nun auch mal eine Frau zur Tierrechtsethik zu Wort kommen: Paola Cavalieri. Ich habe ihr Buch „Die Frage nach den Tieren – Für eine erweiterte Theorie der Menschenrechte“ vor einer Weile zu Ende gelesen und denke, dass ihre Gedanken es wert sind weiter verbreitet zu werden.
Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass es inkonsistent ist ausschließlich Menschen bestimmte Rechte zuzugestehen, nämlich die Rechte auf:

  • Freiheit
  • Unversehrtheit
  • Leben

also die grundlegenden Persönlichkeitsrechte. Die Argumente, die dazu führen, dass wir Rechte anderer Menschen anerkennen werden wir auch auf andere Tiere anwenden können.

Dabei stützt sie ihre Argumentation auf menschliche Grenzfälle: Denn wenn es allein die Rationalität oder die Fähigkeit selbst moralisch zu handeln ist, die uns moralische Relevanz geben, wie behandeln wir dann Menschen, die diese Fähigkeiten nicht besitzen? Intuitiv gestehen wir auch diesen Menschen grundlegende Rechte zu. Damit lehnt sie die herkömmlichen Begründungen ab, die eine Höherstellung des Menschen rechtfertigen sollen.

Hier lässt sich das noch etwas detallierter nachlesen, für alle, die nicht sowieso sofort das Buch bestellen gehen. ;) Schön zusammengefasst wird dort auch die Frage beantwortet: Warum eigentlich Menschenrechte?

Die beste rationale Begründung für diese Grundrechte findet sich bei Gewirth 1978.

Gewirth beginnt mit der Beobachtung, dass Moral die Anleitung für Handlungen ist. Es gibt nun zwei notwendige Voraussetzungen, um Handlungen setzen zu können:

i) Die Fähigkeit, Ziele zu haben (ein Wille)

ii) Die Möglichkeit, diese Ziele auch zu verfolgen (Freiheit, Leben, Unversehrtheit)

Gewirth postuliert dann, dass Wesen, die Kriterium i) erfüllen, also willensfähig sind, zumindest implizit auch wollen müssen, die Möglichkeit zu haben, ihre Ziele zu verfolgen. Sie müssen also zumindest implizit wollen, dass ihre Freiheit, ihr Leben und ihre Unversehrtheit respektiert werden, oder mit anderen Worten, dass sie respektierte Grundrechte auf Freiheit, Leben und Unversehrtheit haben. […]

Das reflektierende, handelnde Individuum erkennt nun, dass der Grund, der seinen Anspruch auf allgemeine Rechte rechtfertigt, nur in seiner Eigenschaft ein handelndes Wesen zu sein liegt. Allein die Fähigkeit handeln zu können bzw. einen Willen zu haben, und nicht die Fähigkeit zu reflektieren, bedingt seinen Anspruch. Die Anwendung des Universalisierungsprinzips führt logisch zur Verallgemeinerung, dass die Rechte, die aufgrund einer Eigenschaft für sich selbst gefordert werden, auch für alle anderen gefordert werden müssen, die die gleiche Eigenschaft haben.

Und das sind nunmal nicht nur unsere Mitmenschen.

Schön, mag man jetzt sagen, aber was ist jetzt eigentlich mehr wert, mein Leben oder das eines Huhns? Wer jetzt gehofft hat, dass jetzt doch noch durch ein Hintertürchen der Speziesismus wieder eingeführt wird, wird jetzt enttäuscht sein, der Wert eines Lebens bemisst sich nicht nach den strukturellen Unterschieden zweier Lebewesen, da eine solche Bewertung immer subjektiv wäre und es keinen neutralen Schiedsrichter gibt, der entscheiden kann, ob das Leben eines Menschen lebenswerter ist als das eines Hundes. Statt dessen gilt:

Der Lebenswert ist der Anteil eines maximal möglichen Lebenswertes eines strukturell gleichen Wesens, bei dem die zufälligen Aspekte des Lebens solange variiert werden, bis sich eine maximale Lebensqualität ergibt.

13 Kommentare
  1. Heckenpenner permalink

    Das is ja ne nette Idee, aber wie soll das funktionieren? Mal ein Beispiel: Mein Kater Linus hat diese 3 Rechte, aber er sieht partout nicht ein sie den Maeusen zu goennen die er mir ab und zu vor die tuer legt. Wie kann man denn Tieren Rechte zugestehen die auf unserer Ethik beruhen, wenn sie selbst nicht dazu in der Lage sind danach zu handeln? Ein hungriger Eisbaer wird sich ueber mein Recht auf Unversehrtheit und Leben wohl kaum Gedanken machen.

  2. Hallo Heckenpenner,
    grundsätzlich können wir unterscheiden zwischen Lebewesen die moralisch Handelnde (moralische Subjekte) sind und Wesen die moralische Objekte sind, also relevant sind, wenn es um moralische Überlegungen geht.
    Ich behaupte nun, dass diese Gruppen nicht deckungsgleich sind, dass zum Beispiel auch Kinder oder geistig Behinderte, deren Fähigkeiten moralisch zu handeln eingeschränkt sind weiterhin moralische Objekte sind und nicht unserer Willkür ausgeliefert werden sollten.
    Das heißt nicht, dass du dich von einem Eisbären fressen lassen musst von mir ja auch nicht, das fällt unter Notwehr.

    Wir müssen nicht die Mäuse vor Katzen retten (ich gebe zu, ich habe das trotzdem schon getan), aber wir sollten vermeidbares Leid vermeiden und eine Gesellschaftsordnung anstreben, in der die grundlegenden Rechte des Einzelnen so gut wie möglich geschützt werden.

  3. Interessant piyh, ich kannte Paola Cavalieri noch gar nicht, vielleicht liegt es daran dass ich zur weiblichen Minderheit der Alphatiere gehöre:-)

    Mich stört ein wenig das Konzept Wert, allerdings kann ich da nicht weiter drauf eingehen ohne ihr Buch gelesen zu haben. „Wert“ ist ein Lehnwort aus der Betriebswirtschaft, und genau so klingen ihre Aussagen die du zitiert hast.

    —„Der Lebenswert ist der Anteil eines maximal möglichen Lebenswertes eines strukturell gleichen Wesens, bei dem die zufälligen Aspekte des Lebens solange variiert werden, bis sich eine maximale Lebensqualität ergibt.“—

    Der Return of Investment ist der Anteil eines maximal möglichen Reingewinns eines strukturell gleichen Portifolios, bei dem die zufälligen Aspekte des Tradings solange variiert werden, bis sich eine maximale Investitionsqualität ergibt.

    Unheimlich, ne?

    ..googlen…

    Ach das ist die mit dem Great Ape Projekt, die für zumindest nichtmenschliche Affen einen Personenstand einführen wollte. Hat auch mal mit Singer zusammengearbeitet. Hmmmm:-)

    Also vielleicht von daher der technokratische Ansatz aus dem utilitaristischen Fundus? Vielleicht hat Singer sie in der Zeit infiziert. Mittelschichtler sind ja sehr anfällig für das utilitaristische Mem, haben da quasi kaum innere Gegenwehr.

    Soll jetzt nicht als Kritik zu werten sein, über Singer hatten wir uns ja bereits unterhalten. Mich wundert nur dass sie den Umweg über „Wert“ nimmt, das ergibt für mich wenig Sinn, denn ethische Rechte ergeben sich doch rein aus Fähigkeiten und Eigenschaften, wozu braucht es dann noch einen „Wert“?

    • Es geht hier vor allem um moralische Dilemma, also zum Beispiel das lifeboat-Beispiel: Mehrere Menschen und ein Hund in einem Boot, alle (bis auf einen) können überleben, wenn man einen opfert. Es wird jetzt gegen die Annahme argumentiert, dass es zwangsweise der Hund sein muss, den man über Bord wirft.
      Natürlich kann man auch sagen, dass dann eben alle solidarisch zusammen untergehen sollen, wäre das dein Ansatz?
      Ich muss zugeben, dass das ein Problem ist, das ich für mich noch nicht abschließend geklärt habe.

  4. Also ich denke Meta-Annahmen von Katastropen-Szenarios sind für die Erörterung ethischer Rechte am besten abzulehnen, pauschal. Denn das kontextuelle Einzwängen in eine solche absurde Situation dient immer dazu, repressiven Druck auszuüben indem man für den, der für Ethik argumentiert so eine „double-bind“ Situation herbeiführt.

    Mit der Praxis des Alltags hat das nämlich nie etwas zu tun, diese Tunnelung auf so eine Extremsituation. Aber derjenige, der dieses double-bind konstruiert, lenkt erst mal ab von seiner Verantwortung, denn die Wahl zwischen Rührei und Rührtofu ist allemal offensichtlicher.

    Die beste Reaktion auf den double-bind ist also die Verneinung der Meta-Ebene, die Rückkehr in die Realität und das banale, und somit die Rückkehr des Fokus auf die tatsächlichen und allesamt vermeidbaren Taten des Speziesisten.

    Hat das geholfen?:-)

  5. Ach so, noch vergessen:

    Die Grundlage für dieses double-bind ist ja die Konstruktion eines ethischen Dilemmas als eine Prämisse für die Wertigkeit ethischer Rechte. Nun ist das ethische Dilemma eine denkbar schlechte Grundlage für die Erörterung ethischer Rechte, da die Situation nur das Dilemma zuläßt! Hier wird also so getan, als sei das Dilemma und die Wahrnehmung ethischer Rechte das selbe. Das ethische Dilemma allerdings beschreibt ja schon den Kollaps, sonst wäre es ja kein Dilemma.

  6. Also klar stellen sollte ich vielleicht noch, dass die Frage nach den Rechten (der normative Minimalvorschlag) unabhängig vom Wert des Lebens abgehandelt wird.
    Im 5. Kapitel geht sie unter dem Titel „Wohlergehen und der Wert des Lebens“ auf utilitaristische (Peter Singer) und deontologische Ideen (Tom Reagan) und auch so ein Zwischending (DeGrazia) ein, die alle versuchen die moralische Gemeinschaft „neu zu definieren“, nachdem vorher dahingehend argumentiert wurde, dass die Spezieszugehörigkeit keine Rolle spielen kann.

    Zur Realitätsnähe: Ich denke, dass zum Beispiel die Frage nach medizinischen Versuchen mit und an Lebewesen (Menschen und/oder anderen Tieren) dem lifeboat doch sehr nahe kommt. Wobei man eben, wenn man kohärent sein will, Menschenversuche wie Tierversuche behandeln muss, was sowohl utilitaristisch als auch deontologisch geschehen kann.

    Zum Wert des Lebens: Hier beschäftigt sie sich zunächst mit qualitativen Theorien, also der These, dass es qualitative Unterschiede zwischen dem Leben als sagen wir Schwein und dem Leben als Menschen gibt (Mill) und dass eines davon also mehr Wert ist, diese Haltung lehnt sie wie schon gehabt mit Berufung auf die Subjektivität ab.
    Auch als Utilitarist muss man zwischen strukturellen und akzidentellen Faktoren (Unterschieden) unterscheiden, selbst wenn ein glückliches Leben einem unglücklichen überlegen ist, kann man nicht ohne weiteres daraus schließen, „dass das Leben eines komplexeren Wesens dem Leben eines weniger komplexen Wesens überlegen ist“.
    Dann argumentiert sie gegen die „quantitativen Theorien“, also auch Singer, der ja auch zwischen (nur) bewusstem und selbstbewusstem Leben unterscheidet und den Wert des Lebens irgendwie daran festmachen will, zu wie viel Interessensbefriedigung ein Wesen fähig ist, wenn ich das richtig verstanden habe.
    Sie sieht dann nur noch zwei Auswege, zum einen die egalitäre These, dass der Tod für jeden etwas Kategorisches darstellt und es keine Schadensabstufungen gibt, diese These hält sie für lähmend, weil sie eben keine Handlungsanweisungen für Konfliktfälle bereit hält und andererseits den Ansatz von Evelyn Pluhar, die akzidentellen Faktoren als die entscheidenden zu werten.
    Generell kann man sagen, dass sie weite Teile des Buches nicht an eigenen Theorien bastelt, sondern damit beschäftigt ist, die Schwächen herkömmlicher Theorien aufzudecken.

    • Interessant, Tierschützer minus Utilitarismus:-))

      Aber ich habe eine Schwäche für Männer mit Dialekt, so hat er wieder einen Stein im Brett, hihihi.

      • Aber ich habe eine Schwäche für Männer mit Dialekt

        Das ist natürlich ein Argument.
        Auch schön, wie er im Gefängnis auf Seife und Zahnpasta verzichtet hat, die an Tieren getestet wurde. Das sind die modernen Helden. ;)

Trackbacks & Pingbacks

  1. Best caring ethics – the next big thing? « .piyh.

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